Fünf Minuten.

Der Nebel, der kurz zuvor noch von der winzigen Bühne in den Innenraum des nur leicht beleuchteten Clubs hinein gepustet wurde, breitet sich weiter aus. Er gibt der Atmosphäre etwas heimliches, unbelastetes. Zwischen all den Menschen finden sich unbemerkt die Blicke zweier, die von diesem Abend nicht viel erwartet hatten. Geheimnisvolles Knistern. Schüchtern und doch verheißungsvoll. Für den Bruchteil eines Augenaufschlags stehlen sie sich ein paar Minuten füreinander.

Genau das sind doch diese Momente, die es nur in Filmen gibt. Durchgescriptet, perfekt von der Kamera eingefangen. Hundert Mal geprobt und bis in die Fingerspitzen einstudiert. Sowas passiert nicht im echten Leben und schon gar nicht mir. Zumindest dachte ich das, bis ich mich genau in dieser Situation wiedergefunden habe. Also fast. Denn natürlich liegt, gut sichtbar auf einer fast leeren Fläche, rein gar nichts geheimnisvolles in der Luft. Ursprünglich wollte ich gar nicht dort sein. Schließlich hatte ich einem Freund noch vor ein paar Tagen erklärt, dass es schon einen außergewöhnlich guten Grund geben müsse, um diese Location in den nächsten Monaten ein weiteres Mal zu betreten. Doch die Einladung derjenigen Person, deren Blicke mich nun fokussieren, hatte mir einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Verbotene Blicke, die etwas erkennen können, das ich schon verloren glaubte.
Der Grund, warum ich nun trotzdem an die kalte Wand gelehnt stehe, ist zwar einige Meter von mir entfernt, erscheint mir dagegen noch nie so nah gewesen zu sein. Dem Gespräch, das er abseits führt, folgt er mühelos, wirft sogar ab und an etwas ein. Dabei liegt die Aufmerksamkeit seiner Augen unangetastet bei mir, was seinem Gesprächspartner überhaupt nicht aufzufallen scheint. Mir hingegen treibt es eine leichte Röte in die Wangen. Seine Selbstsicherheit trifft auf meine Unsicherheit und ich muss wirken wie ein verschrecktes Reh. Ob er das nicht merkt oder es ihn einfach nicht stört, vermag ich nicht einzuschätzen.
Unschuldig waren allein die fünf Minuten unseres vorangegangenen Gesprächs, bis die Stimmung schlagartig, vollkommen unerwartet umschlug. Fünf Minuten, in denen ich dachte, ich kenne die Person, die da vor mir steht. Fünf Minuten, bis sich das unwiderruflich ändern sollte.

„Jetzt will ich dich küssen.“

Worte, die sich wie kleine Regentropfen auf meiner Haut verteilen und einfach liegen bleiben. Ein Begehren, dessen Nachkommen vermutlich ein großer Fehler in seinem und auch in meinem Leben wäre. Gedanken, die vielleicht in seinem Kopf gut aufgehoben waren, jedoch nicht in meine Realität passen sollten. Nie passen werden. Es sind schließlich keine tieferen Gefühle, die da aus ihm sprechen, sondern eine bloße körperliche Anziehung. Wir gehören nicht zusammen – jetzt nicht und auch in keiner Zukunft.
Wenn ich ganz ehrlich bin, hat es sogar nie eine Vergangenheit gegeben. Als ich ihn kennenlernte, war ich keine Frau, die er gewollt hätte. Und jetzt bin ich die Frau, die ihn nicht mehr will.

Wir sind das Märchen, das man nie erzählen wird 
Ich frag' mich, was aus uns geworden wär

Wenn ich 'n bisschen mehr 'n Träumer wär' wie du



Toksï - Märchen

Trotzdem gewähre ich mir weitere fünf Minuten, um zwischen meinen zwiegespaltenen Gefühlen – Enttäuschung und Wagemut – gefährlich hin und her zu tänzeln. Es wäre so leicht, sich den entstehenden Empfindungen zwischen uns hinzugeben, die Konsequenzen zu vergessen und so zu tun, als würde ein Danach nicht existieren. Kopf und Herz aus, sodass die Leidenschaft übernehmen kann. Doch wie lange könnte man es aufrechterhalten? Diese Lüge ohne Substanz. Was wäre sie am nächsten Morgen noch wert? Nichts. Bleiben würden nur die Schuldgefühle – ich kenne mich schließlich. Und die Ernüchterung, dass nichts jemals echt war. Eine verpasste Chance ist manchmal besser, als im Nachhinein mit dem Ballast der Verantwortung umgehen zu müssen. Somit wird es diese fünf Minuten, in denen ich mich fallen lasse, um es geschehen zu lassen, niemals geben.
Wünsche ich mir also, er hätte diese Worte für sich behalten? Vielleicht. Aber es waren auch diese fünf Worte, die ich hören musste. Die etwas in mir verändert haben. Hätte er sie nicht gesagt, hätte ich sie niemandem, der danach kam, geglaubt.

Gibt es sie nun, diese Kinomomente? Ich glaube nicht, denn vor mir stand definitiv der falsche Mann.

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